Paris: Was mich beschäftigt

Das alles, Paris, es wird so langsam irgendwie greifbar. 129(+) Leute ließen in der Nacht von Freitag auf Samstag ihr Leben. Ich habe zu viele unterschiedliche Gedanken, als das ich sie ordnen könnte. Daher sind sie hier lediglich lose gesammelt. 

Erst einmal: Was passiert ist. Am besten in der Wikipedia (en)
oder in der Wikipedia (de).


 

Und am Ende bleiben vor allem Fragen übrig, wie die, die Jan Böhmermann​ in der vergangenen Nacht auf Facebook veröffentlichte. Wie gerne hätte man Antworten. Aber so einfach ist es leider nicht.


 

Die gesamte Europäische Union – Staats und Regierungschefs sowie europäische Institutionen – rufen zur Schweigeminute am morgigen Montag, 12 Uhr, auf. Danke.


 

Was ist das für eine Schizophrenie, die ich bei mir beobachten muss? Diese Attacken waren unfassbar grausam, sie haben mich am Samstag bis in den frühen Morgen vor dem Fernseher gehalten, mich am eigentlichen Samstag kaum losgelassen. Gleichzeitig passiert so etwas beinahe täglich. Wo ist mein Mitgefühl mit Beirut (12.11), oder Baghdad (13.11), Maiduguri, Nigeria (20.10.) oder, oder, oder? (List of terrorist incidents, 2015)
Klar, Frankreich ist nah, geografisch, moralisch, medial. Zudem ist unsere Gesellschaft es nicht (mehr) gewohnt, die Kontrolle über die eigene Sicherheit zu verlieren.
Aber Menschen sind doch Menschen, egal wo. Es ist verständlich, aber es tut weh. Ich will nicht so selektiv sein.


 

Politisch. Frankreichs Premierminister (Manuel Valls) wird den Ausnahmezustand, der auf 12 Tagen begrenzt ist, noch durch das Parlament verlängern lassen. (UPDATE 15.11, 17:56: Auf drei Monate soll der Ausnahmezustand verlängert werden.) Das ermöglicht Hausdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss, Hausarrest, Pressezensur und mehr. (Wikipedia)

Ganz, ganz gefährliche Mittel. Es ist sehr logisch, dass Frankreich jetzt etwas unternimmt gegen radikale Islamisten. Eine Handhabung finden und durchführen. Es ist meine innige Hoffnung, dass diese unfassbar weitgehenden Rechte sehr behutsam angewendet werden.


 

Und was passiert in Deutschland? Wohin genau schlägt das Pendel jetzt aus? Was macht die Tat mit unserer Flüchtlingspolitik, was macht sie mit unserer Sicherheitspolitik? Die ersten Storys über Menschen, die wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes in U-Bahnen und auf Marktplätzen angepöbelt werden, gab es bereits. Sie seien Verantwortlich für Paris. Klar. Und ich für Breivik. Auf der anderen Seite gibt es ja einfach auch überall Idioten. Also nicht so ernst nehmen. Oder?


 

Zusätzlich habe ich noch kaum ein Gespür dafür, wie die Mehrheit in Deutschland das alles sieht. Die politischen Reaktionen sind jedoch (noch?) erstaunlich zurückhaltend. Das hätte ich Freitagnacht so nicht gedacht.


 

Den Ruf, die gerade erst wieder eingeführte und hoch umstrittende Vorratsdatenspeicherung (wahlweise auch Verkehrsdatenspeicherung, Mindestdatenspeicherung, digitale Spurensicherung, etc.) von 10 Wochen auf ein Jahr zu erhöhen ist schon da. Der Knackpunkt daran: Das Gesetz existiert. Eine Erhöhung der Speicherfristen wäre einfach, medial eher eine Randnotiz und ist damit durchaus wahrscheinlich.
Ansonsten werden die ganzen Vorschläge erst noch auf den Tisch kommen. Mal schauen, welche Freiheiten wir also bald der Sicherheit opfern werden müssen. Trotz des Freiheits-Narrativs von Merkel und Gauck bin ich mir ziemlich sicher, dass das passiert. Schon symbolisch ist das nötig.


 

Michel Houellebecq. Am Tag der Anschläge von Charlie Hebdo veröffentlichte er seinen Roman „Unterwerfung“, der im Lichte der Anschläge schnell als rechts-meinungsmachend bezeichnet wurde. Ich habe ihn irgendwann im Februar/März gelesen, und: Das ist er in keiner Weise.
Aber die dystopische Welt, die Houellebecq dort zeichnet wirkt in einigen Punkten fast wie eine Vorraussagung. Anschläge von Islamisten mitten in Frankreich, ein immer tieferer Graben, eine immense Erstarkung der identitären-rechten Bewegung und des Front National. Das alles geschieht auch in „Unterwerfung“. Hätte ich mehr Zeit, ich würde es gleich heute noch einmal lesen.


 

Was will denn der Terror der IS? Uns aufstacheln gegen Muslime. Die „Grauzone“ soll eliminiert werden, Muslime sollen dazu gezwungen werden, sich auf eine Seite zu schlagen. So stand es im Februar in IS-Magazinen.
Genau das sollten wir sie nicht erreichen lassen. Dafür dürfen wir aber keinen sinnlosen Druck aufbauen. Hat schon jemand, wie nach Charlie Hebdo, danach gerufen, dass sich „die Muslime“ bitte von Paris distanzieren? Bestimmt. Unter dem Hashtag #NotInMyName passiert das auch. Das ist symbolisch toll und wird hoffentlich wahrgenommen. Trotzdem komisch und absurd, dass wir das einforder(te)n.
Oben erwähnte Anpöbelungen sind logischerweise auch nicht wirklich hilfreich.


 

Die Bilder von vorwiegend muslimischen Flüchtlingen, die klatschend und wohlwollend empfangen wurden, waren schädlich für den IS. So etwas passt nicht in ihr Narrativ. Sie konnten und können das kaum erklären. Schon gar nicht umdeuten.


 

Kurz bevor ich auf Senden drücke: Scheinbar will die gesamte Bundesregierung am kommenden Dienstag beim Testspiel Deutschland – Niederlande im Stadion sein. Ich glaube, das wäre ein sehr wichtiges Zeichen.

Foto: Suzanne Schols

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