Deutschland, halbes Einwanderungsland

"Die Deutschen gewöhnen sich an den Gedanken, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.", so beginnt die Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung zur heutige veröffentlichten Bevölkerungsumfrage.

Die Bertelsmann-Stiftung führte im Jahr 2012 und im Januar dieses Jahres eine nahezu identisch aufgebaute Studie zum Thema Einwanderung nach Deutschland durch. In der aktuellen Publikation, getitelt: "Willkommenskultur in Deutschland: Entwicklungen und Herausforderungen", stellt die Stiftung die Umfrageergebnisse gegenüber und zieht ein positives Fazit:

Die Willkommenskultur in Deutschland wird 2015 von der Bevölkerung positiver gesehen als noch vor wenigen Jahren. Das zeigt der Vergleich der aktuellen repräsentativen TNS Emnid-Bevölkerungsumfrage mit jener, die die Bertelsmann Stiftung im Dezember 2012 in Auftrag gegeben hatte. Sechs von zehn Befragten sagen, Einwanderer werden vor Ort freundlich empfangen. 2012 meinten das nur 49 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen und stellten damit der Willkommenskultur im Land ein eher schlechtes Zeugnis aus. In ihrer Wahrnehmung wächst demnach eine Kultur des Willkommens im Land. Auch bei der Frage, inwieweit staatliche Stellen in den Kommunen Einwanderer willkommen heißen, deutet sich eine positive Entwicklung an. Waren 2012 noch zwei von drei Befragten dieser Ansicht, sagen das 2015 annähernd drei von vier Befragten.

In der Selbsteinschätzung sehen wir also das Bild einer stark gewachsenen Willkommenskultur. Auch in den spezifischer abgefragten Positionen bestätigt sich insgesamt das Bild einer freundlicheren deutschen Gesellschaft. Die Zustimmung zum Wunsch nach "Bessere[n] Chancen für den Zuzug von Familien" stieg von 61% (2012) auf 69%, bei "Einbürgerung von Zuwanderern erleichtern" sogar um 12% von 44% (2012) auf 56%, um nur einige Beispiele zu nennen.

Osten und Westen

So weit, so gut. Sehr auffällig sind jedoch die Unterschiede zwischen Ost-, und Westdeutschland, die in der Studie zu Tage kommt. Die Bedenken gegenüber Zuwanderern waren (2012) und bleiben (2015) in Ostdeutschland sichtbar höher als in Westdeutschland. Am weitesten auseinander gehen die Ansichten zur Willkomenskultur. Der Aussage "Einwanderer sind bei Bevölkerungen vor Ort willkommen" zum Beispiel stimmen im Osten 19% weniger zu als im Westen - 2012 waren es im Osten hingegen noch 2% mehr.

Nun hat sich mit dem Ende des letzten Jahres und der groß aufkommenden Pegida-Bewegung ein wochenlanges und medial stark diskutiertes Ereignis abgespielt, dass diese Entwicklung noch befördert haben dürfte. Während sich in Ostdeutschland, namentlich vor allem in Dresden ("Pegida") und in Leipzig ("Legida"), große Demonstrationszüge gegen Einwanderung und Flüchtlinge zusammengefunden haben, war der Versuch, diese Entwicklung auf Westdeutschland zu übertragen kläglich. In Bonn beispielsweise stand der Ableger Bogida, mit einigen hundert Teilnehmer mehreren tausend Gegendemonstranten gegenüber, in München kam ein Pegida-Ableger gerade einmal auf etwa 50 Teilnehmer (und stand rund 2.000 Gegendemonstranten gegenüber). Dies ließe sich an anderen Städten fortführen.

Die Bertelsmann-Studie fand im Schatten dieser Entwicklungen statt, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Pegida-Bewegung auch in Dresden stark an Wind verlor. Und so kann hinter den Ergebnissen eben auch vermutet werden: In Westdeutschland wurde Solidarität mit Flüchtlingen und Einwanderern geschärft, mit und durch die starken Gegenproteste zu Pegida-Ablegern. Zusätzlich schaute man fast ein wenig verächtlich auf die Zahl der Migranten und Einwanderer, von denen sich "der Osten" so bedroht zu fühlen scheint. Warum tat und tut man das im Osten? Die Gründe liegen (auch) im Historischen. Stefan Krabbes:

Die Gründe für die Fremdenfeindlichkeit sind in den letzten 25 Jahren zu finden. In Zeiten der Wiedervereinigung waren die Ostdeutschen darauf bedacht, die westlichen politischen und wirtschaftlichen Güter anzunehmen und zu adaptieren. Die Ostdeutschen wollten im wiedervereinten Deutschland nun also auch wirtschaftlich mit den Westdeutschen gleichziehen. Hier  gibt es demnach zwei gesellschaftliche Gruppen, wobei die Gruppe der prestigeträchtigeren Westdeutschen der Maßstab der weniger prestigeträchtigen Ostdeutschen war. Jedoch stellte die Ostdeutsche Gruppe fest, dass die Bevölkerung Deutschlands auch aus Gesellschaftsgruppen verschiedenster Religionen und Nationalitäten besteht, die ebenso nach Wohlstand, Freiheit und Sicherheit streben. Diese Erkenntnis prallte dann mit der Nationaleuphorie der Wiedervereinigung zusammen, denn schließlich sind die Ostdeutschen ja jetzt auch „richtige Deutsche“, was schließlich dazu beitrug, dass sich ein in vielen Schichten Ostdeutschlands latente und salonfähige Fremdenfeindlichkeit ausbreiten konnte, die sich heute noch stark bemerkbar macht.

Die Bertelsmann-Studie zeigt eine positive Gesamtentwicklung. Die wachsenden Unterschiede zwischen Ost-, und Westdeutschland sind jedoch alles andere als ein gutes Signal. Pegida und seine Ableger dürften in Westdeutschland zwar zur größeren Zustimmung beigetragen haben, in Ostdeutschland hingegen kommen sie gut.

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