Die ARD-Doku "Ungleichland" ist die Kurzfassung eines grandiosen Buches

Am Montag, 20:15, hat die ARD die Doku "Ungleichland" gesendet. In 45 Minuten kontrastiert diese Dokumentation (Super)Reichtum mit dem Zustand der armen und mittelständischen Bevölkerung.

Mit dem Bauunternehmer Christoph Gröner haben sie eine grandiose projektionsfläche für Superreichtum gefunden. Der Millionär fällt gleich zu Beginn mit seiner extrovertierten Art und einem sehr bossigen, forschen Auftreten auf. Im Kontrast dazu stehen beispielsweise sein Wachmann oder der Leipziger Siemens-Ingenieur Thomas Klaus, der im Verlauf des Films von den Werksschließungen des Unternehmens betroffen ist. Dazu ist das ganze sehr modern (vielleicht: amerikanisch) produziert: Wissenschaftler_Innen stehen frei vor der Kamera, nutzen dazu Gesten und Hilfsmittel. Eine gute Dokumentation.

Worauf ich aber hinaus möchte: Sie ist die Kurzform des Buches:

Jones macht dort den gleichen Komplex auf: Ungleichheit und die (Macht)Elite, die sie hervorbringt. Beim ARD Ungleichland kulminiert dies in der Aussage Gröners: "Wir Unternehmer sind mächtiger als die Politik, weil wir unabhängiger sind". Jones geht kleinteiliger an die Sache ran; klar, er hat ein Buch Zeit. Dadurch, dass er Großbritannien in den Fokus stellt - das Buch ist daher auch bisher nicht übersetzt worden - sind die Perspektiven alle einen Deut krasser, vielleicht dystopischer, als die Deutsche.

Jones beginnt mit den intellektuellen Bestrebungen über Denkfabriken, Stiftungen und Studien am sogenannten "Post-war consensus" zu rütteln. Beispielsweise von Madsen Pirie, dem Gründer und Vorsitzenden des Adam Smith Institute:

Pirie war entschlossen, das Nachkriegs-Establishment zu begraben, aber er hatte nicht geahnt, wie sehr er und seine Mitstreiter damit offene Türen einrennen würden. 'Wir erhofften uns, dass vielleicht ein-zwei Ideen angenommen und durchgesetzt werden würden und der Erfolg zu mehr fünren könnte; ein kulmulatives Projekt', sagt er. 'Wir hätten niemals gedacht, wie umfassend erfolgreich diese Ideen werden würden.' Piries Adam Smith Institut würde seine wildesten Träume überflügeln. (Übersetzung von mir)

Die Ideen sind die der unregulierten, enthemmten Finanzwirtschaft, des schlanken Staates, der nur rudimentären sozialen Absicherung, des Abschieds vom Gewerkschaftswesen, - Wirtschaftsliberalismus eben.

Jones arbeitet sich dann durch die einzelnen Bestandteile eines Systems des "Establishment", meint aber nicht verschwörungstheoretisch irgendwelche Weltenlenkern, sondern reiche und (dadurch) machtvolle Menschen. Diese teilen sich, ziemlich logisch, ein gemeinsames Ziel: den Ausbau (das Wachstum) ihres Reichtums und ihrer Macht. Dazu müssen sie gar nicht wirklich kooperieren oder tatsächlich eine Gruppe bilden. Sie handeln aber wie eine.

Er zieht einen Faden von Medien, in Großbritannien ein sehr eigenes Problemfeld, der unter ökonomische Zwänge gestellten Polizei als Durchsetzungsmacht der finanziellen Interessen (u. a. in den 80ern zum großen Bergarbeiterstreik) und die britischen Abgeordneten, die unter zeitlichen ("schnell, schnell!") und persönlichen ("du willst doch noch was werden") Zwang gestellt, nicht zu einer eingreifenden Politik finden können.

Dann wechselt er die Perspektive, blickt auf Unternehmen, die teilweise an der Steuergesetzgebung ganz direkt beteiligt sind und - oh Wunder - am Ende die perfekten Schlupflöcher kennen; und auf die Präferenz, Finanz- über Realwirtschaft zu stellen - nicht zuletzt mit dem Finanzstandort London. Am Ende diskutiert er positiven wie negativen Einfluss der EU und blickt nach vorne.

Dass er jeden dieser Abschnitte mit Berichten von Personen bzw. Akteuren unterlegt, die er für das Buch besucht hat, macht die Lektüre zugänglich und anschaulicher.

Kurzum: Wem Ungleichland gefiel, der kaufte auch The Establishment, behauptet mein ganz eigener Algorithmus. So als Buchtipp.

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