Ein Papst zieht alle Register

Nach der dritten Strophe ist Schluss. Um das zu signalisieren, zieht der Organist meist für die dritte Strophe noch ein Register mehr, er schaltet also eine Pfeiffenreihe hinzu, die Orgel wird kräftiger. Pünktlich zu seinem 2-jährigen Wahljubiläum hatte Franziskus nun ein Jubeljahr angekündigt – um seine Botschaft an die Leute zu bekommen, zieht er alle Register.

Alle Jubeljahre mal…

Jubeljahre, auch Jubiläen oder Heilige Jahre genannt, gehen zurück auf die biblischen Erlassjahre. Alle 50 Jahre feierten die Israeliten ein solches, um die Gleichheit im Volk wiederherzustellen. Sklaven wurde die Freiheit geschenkt, Schulden wurden erlassen. Aufgegriffen wurde das Erlassjahr erstmals wieder im Jahr 1300 als Ablassjahr. Das ganze Jahr über sollte das 1300-jährige Jubiläum der Geburt Jesu Christi gefeiert werden und ein besonderer Ablass möglich sein. Alle hundert Jahre sollten solche Jubiläen wiederholt werden. Auf die Idee dazu brachte den Papst damals das Volk: eine große Menge an Rompilgern kam zum 1. Januar 1300 in den Vatikan und erhoffte sich vollständigen Ablass an diesem Tag.
Heute sind Heilige Jahre deutlich häufiger: Damit jeder ein heiliges Jahr erleben kann, wurden aus den 100 Jahren Abstand zwischen zwei Jubiläen zuerst 33 Jahre, schließlich 25 Jahre – hinzu kommen außerordentliche Heilige Jahre wie das von Franziskus angekündigte. Trotz der erhöhten Schlagzahl haben die Heiligen Jahre ihre Anziehungskraft nicht verloren. Zum heiligen Jahr 2000 kamen 25 Millionen Pilger zu den verschiedenen Feierlichkeiten nach Rom. Und auch die Ankündigung des Heiligen Jahres 2016 zeigt schon erste Folgen, wie das Handelsblatt berichtet. Die Ankündigung habe

die Aktien des Autobahnbetreibers Atlantia und des Autobahn-Caterers Autogrill auf ein Rekordhoch getrieben. Atlantia kletterten zu Wochenbeginn an der Mailänder Börse um bis zu 3,3 Prozent auf 24,66 Euro, Autogrill um 4,4 Prozent auf 9,09 Euro. Die italienische Börse notierte zeitweise 1,3 Prozent fester.

Ein Jahr großer Gesten

Wenn also Franziskus ein außerordentliches Jubeljahr ausruft, dann weil er eine Botschaft an die Leute bringen will. Es ist mit Veränderungen in der katholischen Kirche zu rechnen, denn auch die vergangenen Heiligen Jahre wurden häufig für große Gesten genutzt. 1925 wurde beispielsweise erstmals das Christkönigsfest gefeiert. Es sollte in einer Zeit untergehender Monarchien ein Zeichen dafür sein, dass Christus der wahre König sei. Die katholische Jugend in Deutschland griff dieses Fest dann in der Zeit des Nationalsozialismus verstärkt auf, um dem Führerkult etwas entgegen zu setzen. Eine weitere große Geste im Rahmen eines Heiligen Jahres kam von Johannes Paul II. Er hat in der Passionszeit des Jahres 2000 als erster Papst um Vergebung gebeten für die Verbrechen der letzten 2000 Jahre im Namen des katholischen Glaubens. In diesem Rahmen bat er besonders die Juden um Vergebung und machte so einen großen Schritt im interreligiösen Dialog.

Neue Etappe auf dem Weg der Kirche

Das von Franziskus angekündigte Jubeljahr soll im Zeichen der göttlichen Barmherzigkeit stehen und an das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren erinnern, in dem grundlegende Veränderungen in der katholischen Kirche angestoßen worden waren. In drei Wochen, am Barmherzigkeitssonntag nach Ostern will Papst Franziskus feierlich eine Bulle an der Heiligen Pforte des Petersdoms verlesen und so das Jahr offiziell ausrufen. Er wünscht sich, dass das Jubiläum eine „Neue Etappe auf dem Weg der Kirche“ sei. Die medienwirksamen Veranstaltungen in Rom dürften auch in den Diözesen und Gemeinden ein entsprechendes Programm mit sich ziehen.
Die Planung übernimmt der von Papst Benedikt XVI. neu geschaffene Rat zur Förderung der Neuevangelisierung. Zum Jubiläum des Beginns des II. Vatikanischen Konzils hatte Papst Benedikt XVI. ein „Jahr des Glaubens“ als einfaches Themenjahr ausgerufen. Der „Rat zur Förderung der Neuevangelisierung“ war ein Ergebnis dieses Jahres.
Im Gegensatz zu Benedikt XVI. befindet nun also Franziskus, die Erinnerung an das Konzil hätte eine größere Bühne verdient. Am 8. Dezember 2015, genau 50 Jahre nachdem das Konzil endete, beginnt ein Jubeljahr, das sich wohl auch um unzureichend umgesetzte Aspekte des Konzils kümmern soll. In dem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“, das die Ergebnisse aus der Synode zum Jahr des Glaubens aufgreift, schreibt Franziskus:

Es ist wichtig, die pastoralen Konsequenzen aus der Konzilslehre zu ziehen, die eine alte Überzeugung der Kirche aufnimmt. Vor allem ist zu sagen, dass in der Verkündigung des Evangeliums notwendigerweise ein rechtes Maß herrschen muss. Das kann man an der Häufigkeit feststellen, mit der einige Themen behandelt werden, und an den Akzenten, die in der Predigt gesetzt werden.

Es geht Franziskus also nicht um eine Revolution im Vatikan, eine Umkehrung der Lehre oder Ähnliches, sondern schlichtweg um eine Priorisierung bestimmter Aspekte der katholischen Lehre gegenüber anderen. Das Schlüsselwort? Barmherzigkeit.

Kein Revolutionär, aber Fundamentalist

Das Thema „Barmherzigkeit“ stellte Franziskus schon bei seinem ersten Angelus-Gebet heraus. „Barmherzigkeit ist die stärkste Botschaft des Herrn“, sagte er damals. In seinem ersten großen Interview im September 2013 mahnte Franziskus, die Kirche dürfe sich nicht immer in kleine Vorschriften einschließen lassen, die Diener dieser Kirche sollen vor allem Diener der Barmherzigkeit sein. Und auch im Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ kommt er immer wieder auf dieses Thema zurück. Er twittert sogar davon:

Jede Kirche, jede christliche Gemeinschaft sei ein Ort der Barmherzigkeit inmitten so großer Gleichgültigkeit.

— Papst Franziskus (@Pontifex_de) 23. März 2015

In der Priorisierung der Barmherzigkeit bezieht sich Franziskus auf Thomas von Aquin und den heiligen Augustinus:

Der heilige Thomas von Aquin betonte, dass die Vorschriften, die dem Volk Gottes von Christus und den Aposteln gegeben wurden, » ganz wenige « sind. Indem er den heiligen Augustinus zitierte, schrieb er, dass die von der Kirche später hinzugefügten Vorschriften mit Maß einzufordern sind, » um den Gläubigen das Leben nicht schwer zu machen « und unsere Religion nicht in eine Sklaverei zu verwandeln, während » die Barmherzigkeit Gottes wollte, dass sie frei sei «.

Versöhnung zweier Päpste

Dieser Bezug auf Kirchenlehrer und auf die Tradition der katholischen Kirche ist nun von besonderer Bedeutung. Als oberster Brückenbauer ist der wohl wichtigste Job des Papstes die Kirche zusammenzuhalten. Er muss es Konservativen wie Progressiven zugleich Recht machen. Dass er gewillt ist, beide Seiten zu versöhnen, hat er schon bei der Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. gezeigt. Er hat den bei Progressiven beliebten Konzilspapst am selben Tag wie den bei Konservativen beliebten Medienpapst am selben Tag heiliggesprochen.
2016 fährt Franziskus auch in das Geburtsland Johannes Pauls II., um dort den Weltjugendtag in Krakau zu feiern. Das Motto – wie sollte es anders sein – hat Barmherzigkeit als Motiv: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5,7). Wenn auch das Programm des Papstes zum Weltjugendtag bisher nur in Teilen veröffentlich ist, so ist damit zu rechnen, dass er das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Łagiewniki besucht, wo das „Jesusbild von der Göttlichen Barmherzigkeit“ hängt, das nach Visionen der polnischen Heiligen Schwester Faustyna gemalt wurde. Im vergangenen Jahr baten polnische Bischöfe, Schwester Faustyna zur Kirchenlehrerin zu erheben. Papst Johannes Paul II. hatte ihr den Sonntag nach Ostern gewidmet, der jetzt Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit heißt. Johannes Paul II. sah Barmherzigkeit geradezu als sein Lebensthema an – ohne zu wissen, dass er schließlich am Vorabend des Barmherzigkeitssonntags sterben sollte. Wenn Papst Franziskus also 2016 mit dem Weltjugendtag verstärkt an Papst Johannes Paul II. erinnert und zugleich das Jahr als Jubiläum des Zweiten Vatikanums feiert, so ist das eine ähnliche Synthese wie die Heiligsprechung der beiden Päpste.

Von offenen Gesprächen,…

Für die Seligsprechung eines weiteren Papstes hat man sich dagegen einen anderen Tag gesucht. Paul VI., der Papst, der nach dem Tod Johannes XXIII. das Konzil zu Ende geführt hatte, wurde zum Ende der Außerordentlichen Bischofssynode letzten Jahres selig gesprochen. Er war es, der dem Zweiten Vatikanischen Konzil, der wohl größten Diskussionsplattform in der Kirchengeschichte, noch als Kardinal eine Richtung gab, es zu Ende führte und schließlich große Teile umsetzte. Beispielsweise richtete er Bischofssynoden ein, Zusammenkünfte, in denen Bischöfe über kirchliche Angelegenheiten beraten und in denen auch für die ganze Kirche gültige Beschlüsse gefasst werden können. In Kritik geraten ist Paul VI. mit seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ über Empfängnisverhütung. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch, weil er sich damit über die Mehrheitsmeinung der Bischofssynode hinwegsetzte. Im Konzil noch ließ er das Thema ausklammern, um ausführlicher darüber diskutieren zu können, letztlich aber begründete er seine Entscheidung gegen künstliche Verhütungsmittel damit, dass schlussendlich jemand entscheiden müsse und das sei er. Leicht habe er es sich aber nicht gemacht.
Zwei Wochen lang hatte Franziskus der Bischofssynode nur zugehört ohne das Wort zu ergreifen. Am Ende dieser Synode aber hielt er den Bischöfen eine Predigt über ihre Diskussionskultur. In dieser machte er auch klar, dass er zwar eine breite und offene Diskussion wolle, er am Ende aber – wie Paul VI. – alleine entscheiden müsse.
Nach dem Amtsverzicht Benedikts XVI. forderten viele ein „Drittes Vatikanisches Konzil“, um den verschiedenen kirchlichen Krisen zu begegnen. Bekommen haben sie etwas Besseres: dauerhafte konziliare Strukturen. Die Diskussion wird dauerhaft ausgeweitet, intensiviert und strukturiert. Statt einer Synode zum Thema Familie gibt es nun zwei und zwischen den Synoden ist ein Jahr Zeit zur Diskussion in den Bistümern. Vor den Synoden schickt der Vatikan Fragebögen an die Bischöfe, die mit den Gläubigen diskutiert werden sollen und deren Ergebnisse für die Synode anschließend zusammengefasst werden. In den Synoden wird zuerst ein Zwischenbericht zu den Reden erstellt, der dann in kleineren Sprachzirkeln weiterdiskutiert wird, und schließlich ein Abschlussbericht. Die einzelnen Reden werden nun nicht mehr veröffentlicht, um eine offenere Gesprächsatmosphäre zu schaffen und niemanden an den öffentlichen Empörungspranger zu stellen.
Erste Ergebnisse des neuen Diskussionsklimas waren beispielsweise die Aussagen im Zwischenpapier der vergangen Synode, man könne auch in homosexuellen Beziehungen Positives finden, einem Adoptionsrecht für homosexuelle Paare könne man offen begegnen und man wolle versuchen wiederverheirateten Geschiedenen den Zugang zur Kommunion zu ermöglichen. Diese Aussagen sind im Schlusspapier zwar wieder verschwunden, aus der Diskussion verschwunden sind sie deswegen aber noch lange nicht.

…offenen Fenstern und offenen Türen

Von Papst Johannes XXIII. wird die Anekdote erzählt, auf die Frage, wozu er denn ein Konzil wolle, habe er das Fenster geöffnet und geantwortet: „Um frische Luft herein zu lassen!“ Franziskus geht es nicht um frische Luft, sondern um Offenheit. Er öffnet statt eines Fensters gleich ein ganzes Tor: Wie zu jedem heiligen Jahr wird die heilige Pforte des Petersdoms geöffnet. Sie ist dabei die perfekte Illustration zu Franziskus‘ Vision der katholischen Kirche:

Die Kirche ist das Haus, das alle empfängt und niemanden zurückweist. Ihre Tore bleiben weit geöffnet, damit alle, die von der Barmherzigkeit berührt werden, die Gewissheit der Vergebung finden können.

Die letzte Strophe

Wenn das Lesejahr des Evangelisten Lukas, der auch als „Evangelist der Barmherzigkeit“ bezeichnet wird, zum Christkönigsfest 2016 endet, endet auch das Jubeljahr. Bis dahin wird sich zeigen, ob die Kirche nach ersten größeren Diskussionen wieder Einigkeit gefunden hat. Und es wird sich zeigen, ob Franziskus‘ Lied der Barmherzigkeit auch gehört wird. Mit dem Jubiläum hat Franziskus dann alle Register für die letzte Strophe gezogen. Danach, meint er, ist vielleicht für sein Pontifikat schon Schluss.

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