In Bolivien kämpfen Kinder für Kinderarbeit

So richtig ist mir einfach keine Überschrift eingefallen, die in etwa das beschreibt, was mich durch zwei Reportagen über die Lage von Kindern in Bolivien beschäftigt. Marian Blasberg hat im Dossier der ZEIT von vergangener Woche unter dem Titel „Wir wollen arbeiten!“ sehr eindrucksvoll darüber berichtet, wie Kinder (bis 18 Jahre) in Bolivien Gewerkschaften bilden und darum kämpfen, dass Kinderarbeit legalisiert wird. Den Artikel gibt es mittlerweile auch online.

Allein in Potosí gibt es 18 Kindergewerkschaften. Die Kinder haben sich vernetzt in ihren Vierteln, in den Städten, im ganzen Land. Und sie haben ein Anliegen, eine Forderung: das Recht auf Kinderarbeit. [...]

Das macht sie verwundbar: Es gibt keine Verträge, keine Papiere, niemanden, der bei einem Arbeitsunfall die Behandlung zahlt. Viele Kinderarbeiter werden geschlagen oder um ihren Lohn betrogen. Sie können sich nicht wehren, denn was sie tun, ist ja verboten. Wenn sie schon arbeiten müsse, sagt Lourdes, dann unter anständigen Bedingungen.

Dann hat Wes Enzinna für das Vice Magazin ebenfalls einen Artikel über Kinderarbeiter in Bolivien geschrieben. Er legt einen etwas anderen Fokus, mehr auf die Arbeit in alten Bergwerkschächten. Aber auch hier bleibt die überbrachte Nachricht im Prinzip die gleiche. Die Kinder, die arbeiten wollen um ein bisschen zusätzliches Geld zu haben und nicht zu verhungern, brauchen im Prinzip rechtssicherheit vor Ausbeutung – legale Kinderarbeit.

Anders als die arbeitenden Gassenkinder aus dem England des 18. Jahrhunderts, die von finsteren und skrupellosen Industriellen ausgebeutet wurden, ist der Kinderarbeiter von heute oft selbstständig und versucht, in einem inoffiziellen Wirtschaftszweig, dessen Regeln und Erlöse sich täglich ändern, den einen oder anderen Groschen zu verdienen

Beide Artikel handeln von Kindern aus der Stadt Potosí mit knapp 190.000 Einwohnern im südlichen Teil Boliviens. Beide Artikel regen dazu an nachzudenken. Denn natürlich können wir im Westen die Arbeit von Kindern problemlos verdammen und davon sprechen, dass Kinder ihren freien Raum zum Spielen und Spaß haben brauchen. Aber ob wir dafür sorgen müssen, diese Vorstellung auch in Ländern umzusetzen, in denen diese Kinder von akuter Armut bedroht sind? Zumindest fraglich.

Man müsste erst Armutszustände beseitigen, um Kinder wirklich aus der inneren Not zur arbeit zu befreien. Soll noch mal jemand sagen, die Welt sei einfach.

Links

DIE ZEIT, 27.12.2013 Nr. 01, Dossier: „Wir wollen arbeiten“, von Marian Blasberg
VICE, 31.12.2013: „Im Schacht mit bolivianischen Kinderarbeitern“, von Wes Enzinna

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