Love thy neighbour as thyself

In Großbritannien war das Krimi-Drama „Broadchurch“ mit mehr als 30% Marktanteil und über 9 Millionen Zuschauern ein Publikumserfolg. Eine zweite Staffel sowie ein Remake in den USA folgten. Nun kommt die Serie – nachdem ProSiebenSat1 mit den Rechten nichts anzufangen wusste – nach Deutschland ins ZDF, das bereits die Produktion mitfinanziert hatte.

Wer sich mit Literatur zu Enge und Weite beschäftigt, zu Einsamkeit inmitten bürgerlicher Harmonie, kommt wohl kaum an Theodor Storms Novelle „Hans und Heinz Kirch“ vorbei. Die Geschichte um einen Vater und seinen Sohn, der den Idealen des Vaters scheinbar nicht folgen will und von ihm verstoßen wird, beginnt mit einer Schilderung der Szenerie, die die Enge und Bürgerlichkeit der Stadt zeigt, in der Hans aufwächst.

„Auf der Uferhöhe der Ostsee liegt hart am Wasser hingelagert eine kleine Stadt, deren stumpfer Turm schon über ein Jahrtausend auf das Meer hinausschaut. […]Gleichwohl, wer als Fremder durch die auf- und absteigenden Straßen der Stadt wandert, wo hie und da roh gepflasterte Stufen über die Vorstraße zu den kleinen Häusern führen, wird sich des Eindrucks abgeschlossener Einsamkeit wohl kaum erwehren können, zumal wenn er von der Landseite über die langgestreckte Hügelkette hier herabgekommen ist. In einem Balkengestelle auf dem Markte hing noch vor kurzem, wie seit Jahrhunderten, die sogenannte Bürgerglocke; um zehn Uhr abends, sobald es vom Kirchturm geschlagen hatte, wurde auch dort geläutet[…]“

(aus: Theodor Storm:* Hans und Heinz Kirch*. Reclam, 1983, S. 3.)

Denn dann, um zehn Uhr abends, musste jeder zu Hause sein und niemand verließ mehr das Haus. Dieses Bild einer Stadt an der Küste, in der die Protagonisten eingeschlossen sind trotz der Weite, die sich beim Blick über das Meer bietet, findet sich jetzt wieder in der britischen Serie „Broadchurch“, die am Sonntag, 26. April 2015 um 22:00 Uhr im ZDF startet.

War die Katastrophe, die die Geschichte antreibt, bei Theodor Storm noch, dass der Sohn nicht den Plänen des Vaters folgen will, ist es in der Kleinstadt Broadchurch an der englischen Steilküste der Mord an einem Elfjährigen, der unter dem Cliff gefunden wird. Doch damit nimmt die Tragödie erst ihren Lauf.  Anlässlich des Falles kommt Chief Inspector Alec Hardy nach Broadchurch. Er entspricht dem Fremden, von dem Theodor Storm spricht. Neu in der Stadt bleibt er einsam und unnahbar, denn über seinen letzten Fall, von dem der Mörder immer noch frei herumläuft, will er nicht reden, und über seinen neuen Fall in Broadchurch wollen die Bewohner der Stadt nicht wirklich reden. Denn Alec Hardy und die Polizistin Ellie Miller, der er den Posten nimmt und die ihm bei den Ermittlungen zur Seite steht, legen mit jedem Alibi, das sie enttarnen, eine neue kleine Tragödie frei. Diese ursprünglich 8-, im ZDF jedoch wegen Doppelfolgen 4-teilige Serie ist weniger Krimi als Drama. „Wir haben eine Liste geschrieben, wer es gewesen sein könnte“, sagt die Mutter des toten Kindes in der ersten Folge. „Aber… das sind alles eure Freunde“, entgegnet Ellie Miller darauf und bringt damit den Konflikt auf den Punkt. In dieser kleinen Stadt können es nur Freunde gewesen sein, die das Kind umgebracht haben. Jeder ist verdächtig, und bevor nicht jeder seine privatesten Geheimnisse preisgegeben hat, bevor nicht alle Drogengeschichten und Affären öffentlich sind, kann die Familie des Kindes keine Ruhe finden.

Dabei beginnt alles so friedlich. In den ersten Szenen sieht man einen Aufkleber “Love thy neighbour as thyself”, dann die schlafenden Eltern und nur zum Schein friedlich ein leeres Kinderbett. Ein Kind nachts mit blutenden Händen auf einer Klippe stehend. Dann, die Mutter, wie sie verschlafen aufsteht, ein kurzes Gespräch in der Küche. Die Familie merkt immer noch nichts, ohne sich Sorgen zu machen frägt die Mutter, ob jemand Danny, also das Kind, das später tot gefunden wird, gesehen hat. Der Vater meint daraufhin nur, dass er jetzt zur Arbeit müsse und der Zuschauer folgt ihm in einer einzelnen langen Kamerafahrt. Er grüßt fröhlich seine Freunde in der Stadt, tauscht ein paar Worte aus. Doch auch hier tönt schon in der hinterlegten Musik an, dass sich das ändern wird und dass unweigerlich jeder Verdächtiger sein wird.

Überhaupt ist die Musik großartig. Ólafur Arnalds konnte dafür gewonnen werden. Mit seiner Musik in den Ohren, meinte Autor Chris Chibnall, hätte er schon das Drehbuch geschrieben. Arnalds ist es gelungen, zugleich trauernd und drängend die Musik einzusetzen. Dass alles nur noch schlimmer wird und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis weitere Tiefpunkte die Stadt erschüttern, hätte man kaum besser ausdrücken können.

Broadchurch hat es nicht nötig, auf die Hinweise zur Lösung des Falles überdeutlich die Kamera drauf zu halten. Denn darum geht es nicht. Es geht um das langsame Scheitern dieses Dorfes. „Love thy neighbour as thyself“, steht in der ersten Szene geschrieben. Doch wie kann man menschlich bleiben angesichts der eigenen Enge? Wie kann man menschlich bleiben, wenn das eigene Kind ermordet wird, wenn man des Mordes beschuldigt wird, wenn der Partner eine Affäre hatte, wenn das ganze Dorf dich lynchen will oder wenn der eigene Ehemann vielleicht der Mörder ist. Vielleicht gibt es in der ganzen Serie eine einzige Person, die es schafft angesichts des Drucks dem Satz „love thy neighbour as thyself“ treu zu bleiben – am Druck des Dorfes zerbricht sie trotzdem.

Man möchte wegrennen vor dieser Stadt, den Ermittlungen, der Medienmeute. In breiten Kameraaufnahmen sieht man die Dorfbewohner immer wieder vor der Weite des Meeres und wäre alles nicht so depressiv, könnte man meinen, man wäre bei Rosamunde Pilcher. Doch diese Serie ist nun einmal nicht Rosamunde Pilcher und so können auch die Dorfbewohner, fremd in der eigenen Stadt sich nicht in die Weite flüchten.

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