Das Problem mit Facebook ist größer als der aktuelle Skandal. Zeit zur Einhegung

Das altbekannte Netzwerk und die Politikberater, Facebook und Cambridge Analytica (CA), sie haben ein Fass geöffnet. Genauer gesagt ist es vor allem CA, dass an die Daten von zig Millionen Facebook-Nutzer_innen gelangen konnte. Illegalerweise, denn der Zugriff war nur für ein wissenschaftliches Forschungsprojekt gedacht und die Weitergabe der Informationen untersagt.

CA konnte anhand der so gewonnenen Daten unzähliges Wissen über uns Nutzer_innen gewinnen. Denn je mehr (Daten von) Menschen vorhanden sind, desto besser lassen sich aus den vorhandenen Informationen Schlüsse ziehen. Der Standford-Psychologe Michal Kosinski zeigte 2016 auf, was schon mit relativ wenigen Daten möglich ist:

2012 erbringt Kosinski den Nachweis, dass man aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users vorhersagen kann, welche Hautfarbe er hat (95-prozentige Treffsicherheit), ob er homosexuell ist (88-prozentige Wahrscheinlichkeit), ob Demokrat oder Republikaner (85 Prozent). Aber es geht noch weiter: Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum lassen sich berechnen. Sogar, ob die Eltern einer Person bis zu deren 21. Lebensjahr zusammengeblieben sind oder nicht, lässt sich anhand der Daten ablesen. Wie gut ein Modell ist, zeigt sich daran, wie gut es vorhersagen kann, wie eine Testperson bestimmte Fragen beantworten wird.

Hierbei geht es zudem längst nicht mehr nur um die offensichtlichen Daten, die ich dem Netzwerk (mehr oder weniger) bewusst gebe - Namen, Wohnort, Beziehungsstatus, Likes, all sowas. Es geht auch um solche Daten, die Facebook bei der Nutzung aufnimmt - wie lange schaue ich mir bestimmte Beiträge an, mit wem kommuniziere ich, welche Websiten besuche ich.

Facebook verdient sein Geld mit dem Anbieten von zielgerichteter Werbung. Je genauer, desto besser - je mehr Daten, desto genauer.

Der Spruch "Daten sind das Öl das 21. Jahrhunderts" kommt eben nicht von ungefähr.

Sogenanntes Microtargeting, bei dem Nutzer_innen ganz spezifisch auf sie angepasste Botschaften über eine_n Kandidat_in (oder ein Produkt) bekommen, ist kein Bug sondern ein Feature. Und es hat dazu beigetragen, dass Donald Trump im Weißen Haus sitzt.

In dieser Undercover-Reportage erzählen die Betreiber von CA selbst, was sie alles tun (können):

Bei Werbung in der realen Lebenswelt - bei Werbeplakaten oder TV-Werbung - gibt es eine Art allgemeine, gesellschaftliche Prüfung. Die Botschaften können von allen gesehen werden. Wenn Facebook aber nur mir eine Werbung ausspielt, weil sie mir gefällt, kann sie noch so falsch sein - es ist niemand da, der das bemerken oder gar kritisieren könnte.

Und Facebook macht auch keinen Halt vor Nicht-Nutzer_innen. Von diesen erstellt es sogenannte Schattenprofile. Und nun?

Zuerst sollte der_die Nutzer_in in der Pflicht sein, schreibt (unter anderem) Stefan Weißwange:

Solange den Nutzerinnen und Nutzern Bequemlichkeit mehr wert ist als ihre ureigensten Daten, werden Unternehmen diese Daten für sich nutzen. Es muss darum gehen ein Bewusstsein zu schaffen, dass jeder Einzelne selbst entscheiden kann, welche Daten er mit wem über welche Plattform teilt. Und vor allem, welche Konsequenzen dies haben kann.

Nun ist es allerdings schwierig, sich dem ganzen einfach zu entziehen. Klar, man kann den eigenen Account löschen (wobei man der Erstellung von Schattenprofilen nicht entkommt). Aber will man das? Facebook ist schon eine eigene Größe im Netz, es das umfangreichste vorhandene Adressbuch, für viele Beziehungen die einzige Kontaktmöglichkeit.

Denn alle alternativen Netzwerke, so toll ihre Ziele, so gut die Funktionen, so datenschutzfreundlich sie auch sein mögen: sie alle können Facebook nicht ablösen. Einer der Gründe liegt im sogenannten Netzwerkeffekt:

Das klassische Beispiel eines positiven Netzwerkeffekts ist das Telefon. Der Nutzen aus einem Telefon steigt für den Besitzer mit der Zahl der übrigen Besitzer eines Telefons. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook basieren auf demselben Prinzip. Wird eine kritische Masse erreicht, so steigt die Nutzerzahl exponentiell an.

Gleichzeitig wird es mit gestiegener Nutzerzahl auch schwieriger, das Netzwerk wieder zu verlassen. In diesem Sinne herrscht keine einfache Wahlfreiheit. Das Aufgeben von Facebook hat - je nach Person - durchaus horrdende Kosten. Zwar bedeutet das nicht, dass Facebooks Zeit niemals enden kann - aber eine Antwort auf die Probleme ist beides nicht: Weder der Ratschlag, seinen Account zu löschen, noch der, ein alternatives Netzwerk zu nutzen.

Was untergeht: Es gibt ja Lichtblicke. Zumindest für die Europäer.

Innerhalb der EU-Institutionen ist seit 2013 an einem europaweiten Datenschutzstandard gearbeitet worden. Die Richtlinie mit dem tollen Titel EU-Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) wird am 25. Mai in Kraft treten. An sie müssen sich alle Unternehmen halten, die ihren Dienst in Europa anbieten - völlig egal wo sie ihren Geschäftssitz haben. Die DSGVO enthält unter anderem:

  • erweiterte Auskunfts- und Löschpflichten. Nutzer_innen sollen beides ganz einfach beantragen können.
  • das Verbot stillschweigender Veränderungen. Jeder Veränderung an den Daten(nutzungs)regelungen muss explizit zugestimmt werden.
  • das Verbot sogenannter "leave it or take it"-Ansätze. Netzwerke müssen es ermöglichen, sie zu nutzen, ohne mit der Registrierung alle eigenen Daten abtreten zu müssen
  • ein Opt-In statt Opt-Out. Standardmäßig müssen die datenschutzfreundlichsten Einstellungen aktiviert werden.
  • eine Umzugsmöglichkeit. Die Netzwerke müssen es ermöglichen, die Daten zu exportieren. Damit wird es deutlich einfacher, ein Netzwerk in Richtung eines anderen zu verlassen ohne dabei alle Aktivitäten seit der Registrierung zurücklassen zu müssen. Wie genau dies vonstatten gehen soll ist bisher unklar. Zu wünschen ist eine möglichst weitreichende Gestaltung des Exports: Ich möchte beispielsweise auch meine Freundesliste mitnehmen können(!), sodass ich Person X, sofern er_sie sich im neuen Netzwerk anmeldet, auch sofort wieder als Freund_in haben kann. Nur dann besteht überhaupt eine reelle Möglichkeit, Facebooks Status zu brechen.

Die Wirksamkeit dieser Regelungen wird vor allem dadurch garantiert, dass ziemlich hohe Strafen auf ihre Nicht-Beachtung ausgesetzt sind. Bis zu 20 Millionen oder 4% des weltweiten Jahresumsatzes (je nachdem, welches der höhere Wert ist).

Das ist der erste Schritt und er ist auch nur in Verbindung mit solch hohen Strafen sinnvoll.

Denn digitale Daten sind quasi unkontrollierbar. Anders als reelle Daten - beispielsweise ein Tagebuch oder der Personalausweis. Diese zu kopieren ist aufwendig und kostspielig: Zuerst muss das gewünschte Datum wirklich besessen werden, dann kostet eine(!) Kopie Zeit und Geld. Digitale Daten hingegen lassen sich ohne Aufwand tausendfach kopieren, weitergeben und abspeichern. Mitbekommen tut man davon definitiv nichts.

Es gibt also keine Garantien ob die Daten wirklich nicht weiterarbeitet oder gelöscht werden. Strafen (und gute Kontrollen) sind somit der einzig mögliche Weg, denn sie bieten dem Netzwerk einen (ersten) Anreiz, sich wirklich an die Regeln zu halten

Das kann aber nicht alles sein. With great power comes great responsibility. Und Facebook, das haben wir oft genug gesehen, schafft es nicht, seiner Verantwortung gerecht zu werden.

Ein Dienst von solcher Größe und Relevanz braucht mehr als die Einhegung durch Gesetze. Facebook hat mehr Nutzer_innen als je ein Staat der Welt Einwohner_innen hatte. Es hat die Möglichkeit, Meinungen und sogar Wahlen in gewissem Ausmaß zu beeinflussen. Daher greift es viel zu kurz, Facebook lediglich als irgendein Unternehmen zu behandeln. Facebook ist viel, viel mehr. Es bestimmt in immer größerem Ausmaß die Regeln des (digitalen) Alltags. Das fängt schon bei Banalitäten an: Nippelfotos sind beispielsweise nun tabu. Entschieden hat das Facebook.

Wir dürfen nicht akzeptieren, dass private Unternehmen die Regeln unseres Alltags und Zusammenlebens bestimmen. Tun wir das, beginnen wir, die Demokratie aufzugeben - die Möglichkeit, selbst einen Teil zur Entwicklung der Gesellschaft beizutragen, indem man bei Wahlen nein sagen und jemand anderes wählen kann oder in Parteien, Bürgerinitiativen, etc. seine Meinung einbringen und durchzusetzen versuchen kann.

Die Politik werden von uns legitimiert und kontrolliert; Facebook aber nicht!

Christopher Lauer (und andere) stellen die Frage, "wie Facebook verstaatlicht und unter demokratische Aufsicht gestellt werden kann". Und der Gedanke, Facebook könne zu groß, zu wichtig und mächtig sein um weiter ein (gewinnorientiertes) Unternehmen zu sein hat etwas bestechendes. Eine Diskussion darüber lohnt allemal.

Mir erschiene ein Aufsichtsgremium plausibler. Dieses könnte von den Staaten bestückt werden oder sich nach zu formulierenden Regeln aus der Nutzer_innenschaft generieren: Beispielsweise 1.000 Nutzer_innen, jährlich zufällig ausgewürfelt. Sie bräuchten dafür einen umfangreichen Zugang zu Facebooks Zentralen und Servern, sie müssten sich regelmäßig Treffen und sollten vielleicht nicht mit der Presse reden dürfen, damit sich das ganze gar nicht erst Politisiert.

Warum zeigt Facebook welche Inhalte an? Die Algorithmen dahinter müssen erklärt werden, nachvollziehbar sein. Kurz: Es braucht Transparenz!

Es kann nicht sein, dass jede_r etwas unterschiedliches angezeigt bekommt und niemand weiß warum. Ein Aufsichtsgremium könnte die Algorithmen erklären, an künftigen Entscheidungen beteiligt werden, etc.

Am Ende sind es aber schon die kleinen Schritte, die kaum mehr funktionieren. Eigentlich ist eine Ergänzung der Datenschutzgrundverordnung, die sogenannte e-Privacy-Richtlinie, längst auf dem Weg. Sie soll beispielsweise die Analyse und Verwertung von angefallenen Daten nur nach ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer_innen erlauben oder das Tracking über Websiten hinweg komplett untersagen. Industrieverbände sind allerdings auf einem guten Weg, diese Richtlinie zu verwässern oder gar ganz zu verhindern.

Es ist also höchste Zeit, sich dahinter zu klemmen.

Die Forderung nach dem Verzicht auf Facebook oder andere Dienste ist quatsch. Aber jetzt ist der Zeitpunkt, aktiv hinzuschauen. Wir sollten uns jetzt nicht mit Lippenbekenntnissen zufriedengeben, werde von Politiker_innen noch von Zuckerberg und co. Facebook ist ein öffentlicher Raum geworden, ein solcher Raum braucht mindestens eine umfangreiche Kontrolle. Er muss ausreichend transparent sein.

Dazu müssen wir aufmerksam hinschauen, Kritik üben und am Ball bleiben. Wenn die Aufmerksamkeit auf Facebook in der nächsten Woche wieder verpufft, ist nichts gewonnen. Jetzt ist die Zeit, Facebook in die Schranken zu weisen.

Sonst wird es so weitergehen wie bisher: Wir Nutzer_innen bleiben das Produkt und können mehr und mehr beeinflusst werden ohne irgendetwas davon mitzubekommen. Das können wir einem dahergelaufenen Konzern, der lediglich zur richtigen Zeit im Internet war, nicht durchgehen lassen.

Zumindest hoffe ich das.


P. S.: Es ist natürlich Quatsch, nur über Facebook zu reden. Für Google trifft das meiste hier geschrieben gleichsam zu. Aber das klickt ja erst recht keiner. ¯\(ツ)

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